Letzten Freitag um 22.00h ging es los, das Abenteuer 100Km Ultramarathon von Biel. Nachdem sich meine Partnerin als spontane Frau erst 3 Stunden vor dem Rennen zur definitiven Teilnahme entschieden hat, war dies bei mir ein eingeplanter Saison-Höhepunkt in meiner Agenda. Viel Vorfreude war da – leider etwas wenig Zeit zum Traininig. Aber da ich die Erfahrung 100km bereits schon einmal gemacht habe, traute ich mir diese Distanz aufgrund der guten Grundkondition auch mit etwas weniger Laufkilometern in den Beinen zu.
Dicke Gewitterwolken türmten sich über Biel kurz vor dem Start. Wir hatten Glück und konnten trocken auf die Strecke gehen. Im gemütlichen Trott ging es dann durchs Städtchen Biel mit vielen nächtlichen Zuschauern. Ein grandioses Erlebnis! Und schon bald waren wir am ersten Aufstieg in Port angelangt. Nein, die 100km von Biel finden nicht in ebenem Gelände und auf breiten Strassen statt. Vielmehr lernt man die Schweizer Nebenstrassen und Nebenwege ganz neu kennen und erfährt, dass die Schweiz ein hügeliges Land ist… (selbst im sogenannten Flachland). Um Mitternacht laufen wir durch Aarberg, das Ziel für den Halbmarathon. Unglaublich diese Stimmung und wie viel Leute da sind. Und alle spornen einen an, die Nacht gut durch zu stehen.
Nach Km 30 geht’s auf die Endlose Gerade durchs Limpachtal von Scheunenberg nach Oberramsern. „Die Nacht ist ohne Ende – die Himmel ohne Stern“ haben wir früher im Militär in solchen Momenten immer gesungen. Die Beine sind schon etwas Müde und inzwischen ist es fast 02.00h am Morgen geworden – und diese Strasse will nicht enden. Weit voraus kannst Du die Stirnlampen der Mitläuferinnen und Läufer sehen… – Aber immer wieder Zuschauer in den Dörfern oder in Zelten, die dich anfeuern. Das motiviert unglaublich.
In Oberramsern ist das Ziel der Marathonläufer. Ab jetzt bleiben nur noch die 100km-Läufer übrig. Und es wird immer ruhiger. Die Sprüche von Mitläufern werden weniger (Gott sei Dank!) und langsam kehrt in einem selber eine meditative Ruhe ein. Das Einzige was man hört ist das regelmässige Trapp, Trapp, Trapp von den Füssen. Auch Nadine und ich sprechen nun weniger. Trotzdem ist es toll den 100er gemeinsam zu laufen. Du bist ganz alleine und doch zu zweit.
Kurz vor 05.00h kommen wir in Kirchberg an. Die letzte Rast, vor es auf den berühmten „Hotschimin-Pfad“ geht. Die halbe Strecke ist geschafft und wir freuen uns, dass wir unsere Zielzeit vor 2 Jahren wahrscheinlich um ca. 1 Stunde schlagen. Obwohl uns beiden die Zeit egal ist freuen wir uns darüber.
Au weh! Der kurze Rast in Kirchberg hat nicht so gut getan. Das Anlaufen ist brutal und der „Hotschimin-Pfad“ auf dem Emmendamm verlangt höchste Konzentration. Zu dunkel und zu viele Wurzeln sind im Weg. Ich beginne langsam meine Verletzung zu spüren, die ich mir 2 Wochen vorher zugezogen hatte. Tja, die Km verlangen langsam aber sicher ihren Tribut! Kurz vor Gerlafingen passiert es dann. Irgendwie wollen meine Aduktoren im rechten Bein nicht mehr wie ich. Ich muss laufen – 35 Km vor dem Ziel!!
Mein Kopf sagt weiter – meine Aduktoren sagen nein. Ich kämpfe mit mir selber und bin tatsächlich kurz davor in einen der bereit stehenden Busse zu steigen. Nadine sagt nur: Steig ein –aber morgen wirst Du es bereuen! Damit ist die ganze Sache gegessen und ich entschliesse mich zu Ende zu laufen….
Ich kann noch etwa 5 Km rennen, dann muss ich endgültig laufen. Wer sich nun aber vorstellt, dass laufen weniger anstrengend ist wie rennen, der täuscht sich. Obwohl wir noch ein gutes Marschtempo vorlegen scheinen die Kilometer unendlich lange. Die Strecke entlang der Aare von Arch nach Büren a. Aare scheint nicht enden zu wollen. Kurz nach Büren erreichen wir Km 90. Wir überholen laufend eine Frau die noch rennt (oder es zumindest versucht) und mit ihren Kräften offensichtlich am Ende ist. Wir machen uns gegenseitig mut und lachen – nur noch 10 unendlich lange Kilometer bis ins Ziel.
In Pieterlen holen wir einen sehr guten Läufer ein, der ebenfalls seit 30 Kilometer laufen muss, da er eine Muskelverkrampfung nicht mehr lösen kann. Wir gehen die letzten 5 km gemeinsam bis ins Ziel, tauschen gemeinsame Erlebnisse der Nacht aus und spornen jeden Läufer, der uns nun noch überholt an.
12.30h – wir haben es geschafft. Unser zweiter 100km-Lauf von Biel ist Geschichte. Noch brauchen wir 24 Stunden, um zu realisieren, welch tolles Erlebnis es auch in diesem Jahr wieder war.
Und Nadine hat recht behalten: Wäre ich in den Bus eingestiegen – ich hätte es bereut!